Interview: Andreas Trommler über Flächengestaltung, „Cotton Couture“ und Zero Waste

An der Designschule Schwerin stellte Andreas Trommler den Schülerinnen im fünften Semester eine ebenso sinnliche wie technisch anspruchsvolle Aufgabe. Nach einer Vorlesung im Fach KREATEX, das sich mit Möglichkeiten der Stoffmanipulation befasst,  sollten die Studierenden zunächst experimentell arbeiten und schließlich im Rahmen der Unterrichtseinheit eine Stoffkollektion entwickeln.

Iris Kirchhoff: KREATEX, Flächengestaltung, „Cotton Couture“, Zero Waste – nach unserem Vorgespräch schwirrte mir zunächst der Kopf. Mögen Sie kurz erläutern, was es damit auf sich hat?

Andreas Trommler: Gerne. KREATEX ist ein Fach, das ich an der Designschule Schwerin unterrichte. Es befasst sich mit Techniken und Möglichkeiten, Stoffe zu manipulieren mit dem Ziel, 3-Dimensionalität zu gestalten. Im letzten Semester trug die Veranstaltung den Titel „Cotton Couture“, es sollte also mit Baumwollstoffen gearbeitet werden.

IK: Wie führen Sie die Schülerinnen in solche Themen ein?

AT: Ich beginne mit einer Vorlesung, in deren Rahmen ich Theorie und Grundgedanken vermittle, aber auch Beispiele von Stoffmanipulationen zeige. Designerinnen und Designer sind schließlich visuelle Menschen.

IK: Was darf ich mir unter Manipulation vorstellen?

AT: Die Veränderung von Optik, Haptik und Akustik.

IK: Akustik?

AT: Ja. Stoff ist nicht nur Form, Struktur und Textur, er ist auch hörbar. Die Schülerinnen sollen eine synästhetische Erfahrung machen.



IK: Wie kann man einen Stoff manipulieren?

AT: Grundsätzlich ist alles denkbar, was den Stoff verändert. Zum Beispiel: Inkrustation, Applikation, Wattierung, Schichtung, Kreppen, Falten, Knüllen, Zerreißen, Zerschneiden, Färben, Bemalen, Patinieren, Verbrennen, Plissieren, Ausfransen, Zerstören,… Wobei einige Manipulationstechniken von mir bei der Aufgabenstellung im letzten Semester explizitausgeschlossen wurden.

IK: Warum?

AT: Einige Techniken lassen sich bei Baumwolle schlicht nicht anwenden. Andere wollte ich nicht eingesetzt sehen, da mein Fokus auf der Natürlichkeit des Materials Baumwolle lag: Es sollte ausschließlich mit fünf ungebleichten Baumwollstoffen in unterschiedlichen Grammaturen gearbeitet werden, darunter ein Nesselstoff in Leinwandbindung, also mit Struktur.

IK: Sie haben den Schülerinnen das Material dann sicherlich ausgehändigt, damit sie es erspüren und damit experimentieren konnten.

AT: Nein. Sie wussten, welches Material es letztlich sein würde, aber anfassen sollten sie es noch nicht.

IK: Warum?

AT: Ich wollte nach der Einführungsvorlesung eine möglichst freie Ideenfindung ermöglichen. Ich habe auch hier schon die Akustik einbezogen: Die Schülerinnen sollten zu ihrer Lieblingsmusik völlig frei brainstormen und sich auf Spurensuche begeben. Nach einer Analyse ihres Brainstormings leiteten die Schülerinnen Formen, Strukturen und Texturen ab, machten mit Papier experimentelle Strukturuntersuchungen, die sie zudem möglichst vielfältig benennen sollten. Außerdem forderte ich Zeichnungen der Empfindungen beim Hören ihres jeweiligen Lieblingsmusikstücks zur Erweiterung ihres Wortfeldes.

Danach habe ich die Schülerinnen nach draußen geschickt. Sie sollten Dingen suchen und fotografieren, die ihren Strukturexperimenten ähneln, zum Beispiel Baumrinde, Kies, Fell,…

IK: Aber dann haben Ihre Schülerinnen die Stoffe in die Hand bekommen?

AT: Ja, nun konnten sie das Material sinnlich erfahren! Sich überlegen, wie es sich bei Manipulation verhalten wird. Welche Techniken geeignet sein könnten, um ihre erarbeiteten Strukturen in den Stoff zu überführen, um also Ähnliches zu schaffen. Ob es eine Option sein könnte, mehrere Techniken anzuwenden, die sich überlagern und ergänzen.

IK: Nach dem Brainstorming zu Lieblingsmusik, dem Erschaffen eines Begriffskosmos und dem Zeichnen und Fotografieren von Strukturen folgte nun also das eigentliche Stoffdesign?

AT: Genau. Konkret sollte eine Couture-Stoffkollektion entstehen, die alle Sinne anspricht.

Ganz wichtig für eine Stoffkollektion ist zudem das Finden übergeordneter Themen, um einen Zusammenhalt zu schaffen. Die verschiedenen Stoffe sollen ein homogenes Ganzes ergeben, das sich harmonisch ergänzt oder aber Spannung durch Gegensätzlichkeit erzeugt.

IK: Wir haben noch gar nicht über den Zero Waste-Aspekt gesprochen.

AT: Zero Waste wird immer wichtiger. Gesamtgesellschaftlich, daher auch in der Mode. Mein Ziel ist es, dass die Studierenden den Nachhaltigkeitsgedanken von Anfang an bei ihren Entwürfen mitdenken.

Recycling beispielsweise ist ja gut und schön, führt im Bekleidungsbereich aber zu großen Problemen in Afrika oder Osteuropa. Länder, die wir mit oft minderwertiger Kleidung und Stoffresten geradezu fluten. Das zerstört heimische Märkte. Und belastet die Umwelt, wenn unser Zeug dort auf Müllhalden landet, denn synthetische Stoffe verrotten nicht, verstopfen Wasserwege und setzen giftige Dämpfe frei, wenn in offenen Feuern verbrannt werden.

IK: Wie hat sich dieser ökologische Ansatz in Ihrer Aufgabenstellung niedergeschlagen?

AT: Zum einen durch die Wahl der Stoffe, also die ungebleichte Baumwolle. Zum anderen habe ich die Schülerinnen dazu angehalten, ihre Stoffreste zu sammeln, um sie beispielsweise für Applikationen zu verwenden.

Wichtig ist mir, zu vermitteln, dass hochwertige Kleidung aus natürlichen Fasern bei einer handwerklich gekonnten Verarbeitung Abfall vermeidet, denn das halte ich für die beste Strategie! Gute Kleidung kann sauber produziert, geändert und repariert werden und viele, viele Jahre Freude bereiten.

IK: Ist es den Schülerinnen gelungen, Ihre umfassenden Anforderungen zu erfüllen?

AT: Ja. Ich bin immer wieder begeistert, mit wieviel Freude, Energie und Ernsthaftigkeit sie sich den gestellten Aufgaben widmen. Als Dozent gibt man nicht nur sein Wissen weiter und hilft Menschen, Zugang zu ihrer eigenen Kreativität zu finden. Man hat auch Teil an den entstehenden kreativen Prozessen und sieht mitunter Ergebnisse, die frisch und für einen selbst wiederum inspirierend sind.

IK: Eignen sich die entstandenen Stoffe auch für Bekleidung, oder bleibt es letztlich beim Materialexperiment?

AT: Die Unterrichtseinheit trug den Titel „Cotton Couture“, war also von Anfang an für die Praxis gedacht. Die entstandenen Stoffe eignen sich hervorragend zum Entwickeln einer Couture-Kollektion. Was dann auch passiert ist. Gemeinsam mit meiner Kollegin aus der Kollektionsentwicklung Eva Howitz habe ich im Anschluss an die Unterrichtseinheit ein Double Teaching durchgeführt, das Eva maßgeblich erdacht hat.

IK: Vielen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit als Dozent.

AT: Immer wieder gerne.


Fotocredits:
Andreas Trommler

Linkliste:

Interview mit Hochschuldozentin Eva Howitz über die Kollektionsentwicklung ADVANCED STYLE (Gespräche mit Eva Horwitz finden derzeit statt.)

Designschule Schwerin

Freisprechung der Gesellen der Designschule 2.0

Interview: Andreas Trommler über gute Passform, Trends und die Wichtigkeit von handwerklichem Können