Das Korsett – ein Kleidungsstück wie eine Umarmung

Mit 14 Jahren kaufte sich Alice Fichtner ihr erstes Korsett – der Beginn einer textilen Leidenschaft. Die junge Sachsen-Anhaltinerin fertigt mittlerweile selber Korsetts, die ihre Trägerinnen und Träger „wie eine Umarmung“ halten. „Ein Korsett, das zwickt und drückt, ist schlecht gearbeitet oder passt nicht zur Figur der Person, die es trägt“, sagt Fichtner.

Haltung & Selbstbewusstsein – für alle Geschlechter

Das Bild von Rokoko-Damen mit Atemnot, Ohnmachtsanfällen und sie mit Riechsalz rettenden Galanen ist ein Klischee, das Alice Fichtner lächeln lässt. „Dieses Bild hat so gar nichts zu tun mit meinem Verständnis davon, wie sich jemand fühlen sollte, der ein Korsett trägt.“ 

Einengung und Unbehagen sind nicht die einzigen Klischees, die Alice mit ihren Anfertigungen widerlegt: „Ein Korsett ist nicht dem weiblichen Geschlecht vorbehalten, sondern verhilft auch Männern zu einer Formung ihrer Figur, zu einer aufrechten Haltung und dadurch zu mehr Selbstbewusstsein. Und bei Frauen sind es nicht nur die Sanduhrfiguren, die ein Korsett modellieren oder auch inszenieren kann.“

Figurmodellage & Tragekomfort – für alle Figurtypen

Ob Sanduhr, androgyne, zwischen den Geschlechtern oszillierende Person oder maskuliner Mann – ein auf Maß gefertigtes Korsett berücksichtigt anatomische Gegebenheiten und erfüllt Wünsche an das eigene Erscheinungsbild. 

„Manche Frauen wünschen sich nach einer Schwangerschaft eine Anhebung ihres Bauches, andere eine Taillenreduktion, Männer oft ein stattlicheres Erscheinungsbild. Das alles können die unterschiedlichen Korsetttypen leisten“, sagt Alice Fichtner. Und fügt hinzu: „Ob Überbrust-, Unterbrust- oder Taillenkorsett – ein Korsett ist immer ein Booster fürs Selbstbewusstsein!“ Die verschiedene Arten von Korsetts unterscheiden sich in ihrer Form, Funktion und Verwendung. „Im Vorgespräch kläre ich mit meinen Kundinnen und Kunden, welche Wünsche sie an das Korsett haben und zu welchen Gelegenheiten sie es tragen möchten.“

Als klassische Sanduhr schätzt Alice Fichtner für sich selbst die Figurformung der 1950er Jahre. Als Korsettmacherin liegt ihr Schwerpunkt auf den 1920er bis 1950er Jahren. 

Traditionelle Verarbeitung auf Maß

Bei der Fertigung von Korsetts kommen die Vorteile einer Maßanfertigung umfänglich zum Tragen: 

  • Berücksichtigung der persönlichen Anatomie bis ins Detail,
  • Anpassung an den Einsatzzweck – hier: formende Unterwäsche oder Oberbekleidung –,
  • Erreichen des Figurziels durch Materialauswahl und Schnitttechnik sowie
  • Umsetzung individueller Designvorstellungen.

Reparaturen, Änderungen oder die Erneuerung des Futterstoffes können wie bei jeder Maßanfertigung umgesetzt werden.

Fertigungsdetails

Bevor sich die Korsettmacherin an die handwerkliche Arbeit macht, müssen Kundinnen und Kunden Entscheidungen fällen: 

  • Wäschekorsett oder Oberbekleidung?
  • Waspie, Überbrust- oder Unterbrustkorsett?
  • Ausschnittform (herzförmig, rund, eckig,…)?
  • Verschlussart (vorne, hinten, Haken, Ösen, Schliesse,…)?
  • Abschluss (rund, gerade, tiefgezogen, spitz,…)?
  • Auszierungen (Schmuckelemente, Auspolsterungen, Saum,…)?

Alice Fichtner: „Manche Menschen haben sehr konkrete Vorstellungen bis in die Details, andere wissen nicht um die Vielfalt der Möglichkeiten. Sich im Gespräch anzunähern und das Korsett nach und nach gemeinsam zu erdenken, ist immer wieder ein faszinierender Prozess.“

Grundsätzlich ist ein Korsett immer in drei Lagen aufgebaut. Es besteht aus: 

  • Oberstoff, 
  • Miederdrell Coutil und 
  • Futterstoff. 

„Miederdrell Coutil ist ein sehr fester Baumwollstoff mit einer Fischgrätstruktur. Er zeichnet sich durch Steifigkeit und geringe Dehnbarkeit aus“, erklärt Alice Fichtner. Sie arbeitet grundsätzlich am liebsten mit natürlichen Stoffen wie Baumwolle oder Seide, „schließlich wird ein Korsett direkt auf der Haut getragen.“ 

Die Stabilität wird heutzutage übrigens nicht mehr mittels Fischbeinstäben erzeugt, sondern mit Stäben aus Feder- oder Flachstahl oder – für etwas weniger Halt – aus Kunststoff.

„In Konstruktion, Fertigung und Anproben stecken 40 bis 60 Stunden Arbeit, größtenteils reine Handarbeit“, sagt Fichtner. „Das erklärt auch den Preis.“ Überbrustkorsetts fertigt sie ab 1400 Euro, Unterbrustkorsetts ab 1000 Euro, Taillenkorsetts/Waspies ab 800 Euro.



Alice Fichtner – zu Person & Werdegang

Als sich die 14-Jährige ihr erstes Korsett kaufte, musste sie in ihrem Umfeld zunächst gegen Vorurteile wie dem Auslösen von Atemnot und einer Verunmöglichung der Nahrungsaufnahme argumentieren. Gut gesessen hat dieses konfektionierte Überbrustkorsett dann tatsächlich nicht. Sie wechselte Anbieter und Modell und war mit einem Unterbrustkorsett aus dem Vereinigten Königreich zunächst zufrieden. Doch es dauerte nicht lange bis sie anfing, gekaufte Modelle zu individualisieren.

Mittlerweile ist sie ausgebildete Modedesignerin und Damenmaßschneiderin. Während ihrer Ausbildung in Leipzig lernte sie Andreas Trommler kennen und machte bei ihm ein Praktikum.

Es folgten weitere Praktika in einer Stickerei in Italien und in der Kostümabteilung der Semperoper in Dresden. Bei M. Müller & Sohn in Hamburg belegte sie einen Kurs zu Schnittkonstruktion und Fertigung. Bei Lena Hoscheck in Wien arbeitete sie mit an der Winterkollektion 2025/26.

Im Herbst 2025 begann Fichtner den BA-Studiengang für Textilkunst und Design in Schneeberg. Sie wird auch während des Studiums ihre Assistenz und kreative Zusammenarbeit – mittlerweile als Angestellte von Andreas Trommler – fortsetzen.

Bei Interesse an einem maßgefertigten Korsett schicken Sie gerne eine Nachricht an Andreas Trommler, rufen Sie an oder kommen Sie in die SCHNEIDEREI – Maßanfertigungen für Damen und Herren.