Interview: Eva Howitz über zirkuläre Designprinzipien und ihr Semesterprojekt „Advanced Style“ an der Designschule Schwerin
Eva Howitz ist Modedesignerin, Mitbegründerin von lokaltextil und Dozentin. Den Schülerinnen an der Designschule in Schwerin stellte sie im fünften Semester die Aufgabe, eine Kollektion für Menschen ab 50 zu entwerfen, um den Blick der Lernenden weg vom Normkörper hin zu Individualität und Diversität zu lenken. Und auf zirkuläre Designprinzipien wie Monomaterialität, Möglichkeiten zum Upcycling und Zero Waste. Iris Kirchhoff: Mode, Zero Waste und Nachhaltigkeit – wer durch deutsche Innenstädte geht, hat nicht den Eindruck, dass diese Themen zusammengehören. Eva Howitz: Es ist richtig, dass die Themen selten zusammen in Erscheinung treten. Wir haben ein echtes Zuviel-Problem. Wir leiden an Überkonsum und das insbesondere in Bezug auf unsere zweite Haut. Sichtbar wird das – wie Sie ganz richtig sagen – in den Innenstädten, die von Fast Fashion-Ketten, Outlet Stores und Ramschläden dominiert werden. Sichtbar wird das aber auch an jedem Kleidercontainer, der überquillt. Auf unseren Strassen, die mit weggeworfenen Kleidungsstücken gepflastert sind. Und auch in unseren überfüllten Schränken. IK: Hat Ihre kritische Haltung dazu geführt, dass Sie als Modedesignerin seit 2014 keine eigenen Kollektionen mehr machen? EH: Ich habe an der Burg Giebichenstein Modedesign studiert, so richtig „Autor:innendesign“. Ich wollte unbedingt Mode entwerfen, und habe das auch erfolgreich eine ganze Weile betrieben. Nur habe ich parallel natürlich nicht aufgehört zu sehen, zu lesen, zu fühlen. Außerdem habe ich sofort nach meinem Studium begonnen zu unterrichten, was nicht ohne Wissen um den Zeitgeist und Beobachtung der Branche funktioniert. Mir wurde von Jahr zu Jahr klarer, dass es nicht reicht, etwas gut zu können und schön zu finden. Die Komplexität der Prozesse hat mich bei näherem Hinsehen immer stärker beschäftigt. Schon 2009 haben Frieder Weissbach und ich bei unserem Modelabel howitzweissbach konsequent zu lokalen Wertschöpfungsketten recherchiert, sie in die Fertigung unserer Kollektionen eingebunden und sichtbar gemacht. Aber das permanente Entwickeln von Kollektionen, gekoppelt an Beschränkungen, weil der Markt Abwechslungsreichtum nicht versteht, hat mich gelangweilt. Und mit verantwortungsvollem Handeln hat das stetig Neue auch nichts zu tun. Ich habe meine Lehre dann auf Themen wie Zero Waste, Upcycling und Monomaterial ausgerichtet, also auf zirkuläre Designprinzipien. Und ich habe noch tiefergehender recherchiert zur lokalen Textilindustrie und Wertschöpfung, zu Stoffströmen und zur Sichtbarkeit von wirklich aufregenden Textilunternehmen. 2020 haben Marcus Pester-Weissbach, Alwine Pampuch, Lena Seik und ich die Initiative lokaltextil gegründet, ein Netzwerk für lokale Textilproduktion. IK: Wie darf ich mir bei Ihrer Tätigkeit als Dozentin im Fachbereich Kollektionsentwicklung an der Designschule Schwerin sprechen die Vermittlung Ihres Fokus auf zirkulären Designprinzipien vorstellen? EH: Ich unterrichte seit 2008, also seit fast 20 Jahren. Und ich weiß: Kollektionsentwicklung ist kein Teufelswerk. Es geht darum, jungen Menschen die Möglichkeiten des Selbstausdrucks unter zeitgemäßen Vorsätzen nahe zu bringen. Mode zu machen, ist etwas Wunderbares. Modedesign ist extrem spannend und als Reflexion auf unsere Zeit ein interessantes Vehikel. Ich kann von Herzen sagen: Ich liebe Mode! Aber das System ist falsch. Und die Herangehensweisen sind oft verkürzt und unterkomplex gedacht. Und das ändere ich in jedem Semesterprojekt. In meinen Aufgabenstellungen spielen kulturelle Aneignung, die schon genannte Zirkularität in Designprozessen sowie multidimensionale Herangehensweisen an Modedesign eine tragende Rolle. Das ist unsere Verantwortung als Lehrende. Zumindest sehe ich das so. IK: Sie haben für die Unterrichtseinheit im Fach Kollektionsentwicklung im letzten Semester ein Double Teaching mit Ihrem Kollegen Andreas Trommler durchgeführt. Wie kam es dazu? EH: Double Teachings sind an vielen Bildungsinstitutionen üblich. Ich mache das auch bei lokaltextil ständig in verschiedenen Formaten und habe das zuvor auch mit meinem Label-Kollegen Frieder Weissbach schon gemacht. Zwei Menschen sind doppelt so viel Wissen und Handwerkskönnen. Zwei Perspektiven weiten den Blick und die Lernenden sehen und verstehen viel mehr. Im letzten Semester war ich zeitlich zudem sehr eingespannt, und so war es für mich wunderbar, dass Andreas Trommler gemeinsam mit mir in das Semesterprojekt gegangen ist. Sein Können und seine Haltung waren eine wichtige Ergänzung zu meinen Ansätzen. Es war mir eine Freude mit ihm zusammenzuarbeiten. IK: Wie lautete Ihre Aufgabenstellung an die Lernenden? EH: Das Semesterprojekt hieß „Advanced Style“. Mir war es sehr wichtig, den Auszubildenden aufzuzeigen, dass Menschen ab 50 Jahren, insbesondere Frauen, in der Mode kaum vorkommen. Ab einem bestimmten Alter und auch mit nicht ins gängige Modeschema passenden Körpern ist es Menschen kaum möglich, sich zeitgeistig zu kleiden. Das ist ein Riesenproblem, welches wir in der Modedesignlehre ganz oft übersehen. Studium und Ausbildung finden oftmals an genormten Konfektionsgrößen – gerne der Damengröße 36 –, genormten Körpern oder an Büsten statt. Auch die Schnittkonstruktion befasst sich mit kleinen und möglichst genormten Größentabellen. Aber Menschen sind unterschiedlich, und der Körper, der uns durchs Leben trägt, verändert sich. Und das ist gut und richtig. Wenn aber niemals gelehrt wird, mit nicht genormten Körpern zu arbeiten, ändert sich in der Mode nichts.
IK: Es gibt also bisher keine mutige Mode für Ältere?
EH: Doch, aber hier bestätigen Ausnahmen die Regel. Es gibt ältere Menschen, die mutig und individuell gekleidet sind. Das sind Menschen, die für sich erkannt haben, dass es etwas mit uns macht, wenn wir uns stilvoll kleiden. Allerdings muss man sich das leisten können. Finanziell Privilegierte können sich etwas Passendes auf den Körper schneidern lassen, und dann funktioniert es, älter zu werden, keinen Normkörper zu haben und sich einzigartig zu kleiden. Aber eben nur dann.
IK: Ich habe in der Vorbereitung auf unser Gespräch in Ihrer Aufgabenstellung gesehen, dass Musik eine große Rolle spielte. Sie haben die Lernenden nach ihren Lieblingssongs, nach dem Soundtrack ihres Lebens gefragt.
EH: Ja, ich wollte den Lernenden bei all den genannten Problemfeldern die Möglichkeit geben, sich individuell und mit Herz an die Aufgabe heran zu wagen. Sich einzufühlen. Ich empfinde Musik als synästhetisches Vehikel, um sich auszudrücken. Musik in Mode zu übersetzen, ist meines Erachtens für das Erlernen von Gestaltungsprinzipien sehr wertvoll.
IK: Bei der Entwicklung einer Kollektion folgt auf die Phase der Inspiration die konkrete Entwurfsarbeit. Mussten die Lernenden vorgegebene Aspekte in die Gestaltung einfließen lassen?
EH: Es kam drauf an, welches Musikstück als Inspirationsraum gewählt wurde: etwas Flüssiges, Flüchtiges? Oder Beats und eine bestimmte Härte? Welche Rhythmen, Klänge, Gefühle und Themen macht das Musikstück auf, und wie lassen sich diese Inhalte in gezeichnete Formen gießen?
Zudem hatte der vorangegangene KREATEX-Unterricht maßgeblichen Einfluss auf den Entwurfsprozess, da hier bereits Musik in die Stofflichkeit übersetzt worden war.
IK: Die Schülerinnen mussten 15 Silhouetten entwerfen. Wurden alle umgesetzt?
EH: Die Silhouetten werden in der Kürze eines Semesters nicht alle umgesetzt. Es sind nur drei Modelle zur Ausführung gekommen und ein Mantel. In der Ausbildung im Modedesign und der Maßschneiderei existieren semesterbezogene Schwerpunkte. Im fünften Semester ist das eben ein Mantel. Der Mantel bildet sozusagen das Destillat der Idee. Da laufen Maßschneideranforderungen mit Gestaltungsprinzipien und dem KREATEX-Unterricht zusammen zu einer Quintessenz.
Außerdem werden bestimmte und Verarbeitungskriterien gefordert. Diese werden von den Verarbeitungsdozentinnen und -dozenten vorgegeben. In unserem Fall waren das:
- Revers oder aufwendige Kragenverarbeitung,
- Handsäume,
- handgestochene Knopflöcher oder Paspelknopflöcher,
- schräge Schubtaschen oder schräge Papseltaschen,
- Verdeckte Schlitzverarbeitung,
- Innentasche,
- Futterverarbeitung und
- Zweinahtärmel.
Ganz wichtig im Semesterprojekt Advanced Style war auch, dass die Auszubildenden keine Reißverschlüsse, Knöpfe oder sonstige Zutaten kaufen durften, sondern sich selbst Verschlussmöglichkeiten und Verarbeitungslösungen überlegen sollten. Da die Grundlage der Gestaltung dem Konzept der Monomaterialität verpflichtet war, mussten wir konsequent sein.
IK: Können Sie kurz erläutern, warum Ihnen die Monomaterialität so wichtig war?
EH: Monomaterialität als zirkulärer Designansatz zielt darauf ab, dass die designten und umgesetzten Stücke nach der Nutzung wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Wir haben ausschließlich mit naturbelassener Baumwolle gearbeitet, die Kollektionen könnten also problemlos recycelt werden zu neuen Garnen und textilen Flächen. Das ist nur mit der von uns geforderten Konsequenz im Material wieder und wieder möglich.
IK: Konnten sich Ihre Schülerinnen auf diese strenge Konzeption gut einlassen??
EH: Die Aufgabenstellung war wirklich sehr komplex, und ich bin froh, dass sich tatsächlich alle darauf eingelassen haben. Der Mut und das Durchhaltevermögen der Auszubildenden macht mich stolz.
Fotocredits:
Andreas Trommler
Linkliste:
Interview: Andreas Trommler über Flächengestaltung, „Cotton Couture“ und Zero Waste

Andreas Trommler
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